
Prof. Dr. Kulkānti Barboza lehrt seit zehn Jahren an unserem Fachbereich Tanz- und Bewegungspädagogik, Kreative Sprachbildung/-förderung und Internationale Perspektiven der Sozialen Arbeit. Sie selbst hat in Indien klassischen Tanz und Yoga studiert, an der Universität Münster Sportwissenschaft, Ethnologie und Soziologie. Für die aktuelle Ausgabe unseres Hochschulmagazin fhocus sprach sie mit Redakteurin Anne Holtkötter über ihre interkulturellen Erfahrzungen. Hier die ungekürzte Fassung des Interviews:
Frau Barboza, Sie haben in Ihrem Leben viele Kulturen kennengelernt. Wie beeinflussen sie Ihr Leben heute?
Ich habe als Migrantin in drei unterschiedlichen Gesellschaften gelebt, in Indien, den USA und in Deutschland, aber innerhalb dieser großen Kulturräume bin ich durch meine Bildungswege und Tätigkeitsfelder auch vielen Subkulturen nähergekommen. Meine inter- und intrakulturellen Lernerfahrungen - auch die leidvollen - empfinde ich letztendlich als Bereicherung, sie haben mich zu der Persönlichkeit werden lassen, die ich jetzt bin: Eine Frau, die in vielen kulturellen und sozialen Räumen zu Hause ist und nach wie vor mit viel Offenheit und Wertschätzung den symmetrischen Dialog sucht.
Was davon integrieren Sie in die Lehre?
Mir ist es ein großes Anliegen, mit unserem Lehrangebot kultursensible Räume der Begegnung und des Austausches zu schaffen, in denen Ordnungssysteme des Wahrnehmens, Deutens, Handelns sowie Kommunizierens gemeinsam erfahrbar, diskutiert und reflektiert werden - um beispielsweise Vorurteile abzubauen oder eigene Wissensbestände zu erweitern. Hierzu biete ich Seminare an, etwa zu Themen wie Interkultureller Kompetenzerwerb, Yoga oder Gesundheit und Krankheit im Kulturvergleich. Die Studierenden können über die theoretischen und handlungsorientierten Bezüge sich der eigenen kulturellen Perspektive bewusster werden und sind Idealfall in der Lage, die Welt sowie die uns begegnenden Menschen multiperspektiv zu betrachten. So können Studierende zu Multiplikatoren, zu kulturellen "Übersetzerinnen" und "Übersetzern" werden. Dies ist ein Erfordernis, das gerade in den Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit besonders wichtig ist!
Warum finden Sie dies so wichtig?
Gerade in den Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit sind kulturelle Überschneidungssituationen zur Normalität geworden, aber der Umgang damit spiegelt sehr häufig den allgemeinen bildungspolitischen Diskurs wider: Wenn von Integration gesprochen wird, dann wird uns suggeriert, dass diese letztendlich vom Grad der Anpassungsbereitschaft und -leistung der hier eingewanderten Menschen abhängt. Überspitzt gesagt: Wenn wir die deutsche Sprache beherrschen, das hiesige Bildungssystem abgeschlossen haben und/oder uns erfolgreich in den Arbeitsmarkt einbringen, dann sind wir "gut integriert". Die ist für mich jedoch nur ein Zeichen einseitiger Assimilationsprozesse, die das inter- und transkulturelle Verstehen keineswegs begünstigen.
Als wirklich gelungene Integration betrachte ich wechselseitige Prozesse des Lernens, Verstehens und Veränderns, sowohl bei Vertreterinnen und Vertretern der Aufnahmegesellschaft als auch bei Eingewanderten.