Akustischer Fußgängerschutz: Lärmpflicht für E-Autos ab dem 1. Juli

Lärm in den Städten – wie gut, dass E-Autos daran wenig Anteil haben. Beim Anfahren sind sie sogar nahezu geräuschlos. Aber dies birgt auch Gefahren. Deshalb wird das Acoustic Vehicle Alert System (AVAS) Pflicht. Was unser Verkehrsexperte Prof. Dr. Martin Lühder und unser Fachmann für Signalverarbeitung Prof. Dr. Götz Caspar Kappen dazu meinen, lesen Sie im Interview.

Herr Prof. Lühder, was halten Sie von der Entscheidung des Gesetzgebers?
Lühder: Aktuell beträgt der Anteil an E-Autos zwar nur zwei Prozent, aber die Tendenz ist steigend. Und da sich Fußgänger und Radfahrer gern auch auf ihr Gehör verlassen, finde ich die Verpflichtung für den akustischen Fußgängerschutz sinnvoll. Ich sehe dann allerdings immer noch das Problem, dass Kopfhörer verhindern, die Geräusche wirklich wahrzunehmen.

Was kommt nun auf die Halter von E-Autos zu?
Lühder: Sie müssen ihre Kraftfahrzeuge nachrüsten. Ansonsten funktioniert das System einfach: Es schaltet sich beim Anfahren automatisch ein, und wenn das Auto bei höherer Geschwindigkeit von alleine lauter wird, weil schon das Abrollgeräusch auf Asphalt und erst recht auf Kopfsteinpflaster mehr Lärm macht, automatisch wieder ab. In die Neuwagen bauen die Hersteller diese Schallerzeuger ein. Was ich kritisch sehe: Dass einige der Hersteller von sportlichen Autos besondere, spezifische Sounds entwickeln, um das Image der Automarke zu stärken – ohne die Hörbarkeit in den Vordergrund zu stellen, natürlich unter Beibehaltung der gesetzlichen Grenze. Diese dürfte meines Erachtens, um unseren Alltag geräuschärmer zu gestalten, grundsätzlich nicht über 60 Dezibel liegen, egal ob beim Moped, Auto oder Flugzeug. Denn letztendlich ist das alles eine Frage des Lärmschutzes für die Bevölkerung.

Herr Prof. Kappen, was sagen Sie denn dazu, dass Automarken ihre Klangfarbe ins Sounddesign von E-Autos einbauen?
Kappen: Ich halte das für den besten Ansatz. Das Piepen wie beim Rückwärtsfahren ist keine Alternative, auch dass alle Fahrzeuge gleichklingen nicht – fahrzeugspezifische Töne sind natürlicher und sorgen bei Menschen dann vielleicht doch für mehr Aufmerksamkeit.

Und wie erzeugt man die Töne?
Kappen: Töne können im Vornherein aufgezeichnet oder synthetisch erstellt werden. So hat der Hersteller die Möglichkeit, ein eigenes Klangbild zu produzieren. Die synthetische Erzeugung kann man sich am Beispiel einer Stimmgabel klarmachen: Sie schwingt bei einer Frequenz von 440 Hertz und erzeugt einen Ton, mehrere Stimmgabeln mit unterschiedlichen Frequenzen und unterschiedlichen Lautstärken ermöglichen die Generierung eines gewünschten Signals. Im Auto kann man mit dieser Technik abhängig von der aktuellen Geschwindigkeit digital Töne erzeugen und diese mit einem Lautsprecher wiedergeben. Was ich aber viel spannender finde: Wir forschen bei uns im Labor zu Ortung von Schallquellen und gerichteter Schallabstrahlung. Die gerichtete Schallabstrahlung ist für AVAS interessant – nämlich um den Schall umgebungsbedingt zu richten. Denn das Warngeräusch im Stadtverkehr ausschließlich in Fahrtrichtung abzustrahlen, wäre vielleicht nicht ausreichend. Aber zusätzlich zielgerichtet nach rechts den Bürgersteig zu beschallen, das wäre wertvoll.

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